Interview mit Jannes Viebrock, Digitalisierungsexperte und Gründer des intelligenten Beschaffungsnetzwerks INPERA über seine Vision für die Baubranche

21.05.2019
Lesezeit: 7 min

Herr Viebrock, die Branche hat bekannermaßen viel Nachholbedarf im Thema Digitalisierung. Welche Herausforderungen sehen Sie?

Die Branche hat einige sehr spezielle Hürden zu überwinden, die Prozessinnovation über mehrere Wertschöpfungsstufen hinweg stark erschweren: Es finden sich zu jedem Bauprojekt, das in Design und Konstruktion universell ist, immer wieder ganz neue Partner zusammen, die sich koordinieren und organisieren müssen. Eine digitale Vernetzung von ERP_Systemen, wie es andere Branchen längst umgesetzt haben, ist deshalb nicht möglich.

Wenn von Digitalisierung gesprochen wird, meinen die meisten BIM. Wie stehen Sie dazu?

BIM birgt sehr viel Potential, wenn es konsequent mit den möglichen Daten angereichert und gemeinschaftlich für eine kollisionsfreie Planung und über den gesamten Immobilienlebenszyklus genutzt wird. Es ist gut, dass auch politisch hier mehr gefordert wird. Wenngleich ich denke, dass die Forderung noch nicht zur HOAI passt, denn der deutliche Mehraufwand in der Planung wird nicht gerecht vergütet. Problematisch ist zudem der fragmentierte Markt bei Planungsbüros. Die Umstellung auf ein neues System birgt hohe Risiken, nicht nur in der reinen Investition für neue Systeme, sondern vielmehr in der damit verbundenen Veränderung langjähriger, geprüfter Abläufe. Ich kann die hohe Hemmschwelle gut nachvollziehen, denn die Abläufe sind zum Teil hoch komplex,rechtlich im Sinne der Mängelhaftung relevant und in den meisten Büros sehr gut eigespielt.

Sie sagen also, BIM ist nicht der „Allheilsbringer“?

BIM wird das nicht allein sein. Worum es geht, ist die projektübergreifende Entwicklung von Standards für den Datenaustausch, die Kommunikation und die Vernetzung. Erst dann bin ich in der Lage, sich wiederholende Vorgänge effizienter zu gestalten, Arbeitsschritte störungsfrei zu parallelisieren und Nebentätigkeiten möglichst komplett zu automatisieren. Es braucht eine zentrale Plattform, die mit jedem Projekt Intelligenter wird und beliebige Unternehmen über standardisierte Prozesse und Schnittstellen integriert. Dabei ist es zunächst egal, um was für ein Bauprojekt es sich handelt.

Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für die Branche in Ihren Augen und warum gibt es ausgerechnet jetzt so viel Bewegung in den Themen?

Ich möchte es einmal überspitzen: Ich denke, der Bau einer Immobilie kann durchdie Digitalisierung mittelfristig ebenso effizient sein wie der Automobilbau. Es geht um eine hohe Datenqualität, gut funktionierende Schnittstellen, fehlerfreie Kommunikation und die Vermeidung von unnötigen Arbeitsschritten. Die Digitalisierung kann hier schnell sehr große Entwicklungssprünge bringen, wenn man das Thema Projektübergreifend betrachtet. Ich denke, dass die technischen Möglichkeiten, die sinkenden Kosten für Digitalisierung und auch die einfache Bedienbarkeit moderner Lösungen das Thema derzeit stark und auch unaufhaltbar beschleunigen.

Die Baubranche ist nicht mit der Serienfertigung vergleichbar. Aus welchem Grund ziehen Sie diesen Vergleich trotzdem?

Ich bringe einfach eine große Neugierde mit und mag Herausforderungen (lacht). Zwischen meinen beruflichen Stationen in der Bauindustrie habe ich absichtlich einen Zwischenstopp als Prozessberater in der Automobilindustrie gemacht. Ich wollte hinterfragen, wie der Automobilbau von der Planung, der Logistik bis in dieFertigung und die Qualitätskontrolle hinein funktioniert. Es ist ein langer, evolutionsähnlicher Weg und eine Mischung aus sehr intelligenten Köpfen, Technologie, bis ins Detail durchdachten Prozessen und Vernetzung und vor allemdem Drang nach kontinuierlicher Verbesserung. Ich habe viele Ideen mitgenommen und eine sehr genaue Vorstellung davon, wie Digitalisierung und intelligente Netzwerke echte Produktivitätssprünge heben.

Welche Erfahrung haben Sie aus der Automobilindustrie mitgebracht?

Natürlich ist ein Bauprojekt etwas ganz anderes. Ich habe das Baustoffgeschäft bei Kapella in Berlin kennen und lieben gelernt. Fred Kapella stand mit schier endloser Leidenschaft für das Thema Wertschöpfung in der Branche. Er wurde nicht müde zu betonen, Baustellen wie eine Feldfabrik zu betrachten. Heute geheich noch einen Schritt weiter: Die Digitalisierung eröffnet Möglichkeiten, Prozesse konstant und in hoher Geschwindigkeit zu entwickeln und darüber von Bauprojektzu Bauprojekt eine sehr stark beschleunigte Evolution in Gang zu setzen, weil alle Daten verwertbar werden.

Sie entwickeln also mit INPERA eine Plattform, die die Baubranche komplett verändern wird?

Es ist die Vision und INPERA bietet die Technologie, um zu dieser Plattform zu wachsen. Katerra hat gezeigt, dass der Markt und auch Geldgeber für eine solcheVision bereit sind – wenngleich das Bauen in Europa durch regionale Historie, Normen und Regeln ganz andere Herausforderungen bringt als der standardisierte Holzfertigteilbau. Wir haben uns mit INPERA zunächst dem ThemaBeschaffung gewidmet. Inpera setzt dabei bereits bei der Werkleistung an und vernetzt über die Angebotsprozesse alle Projektpartner in einem Projekt. Die Integration von BIM und einem innovativen Tool für die Projektsteuerung werden im weiteren Verlauf die Automatisierung von Beschaffungsvorgängen mit Echtzeit-Daten ermöglichen. Es gibt hier überall große Herausforderungen: Welche Anbieter gibt es? Welche Beschaffungszeiten muss ich gerade berücksichtigen? Wie sieht die Verfügbarkeit in der Region aus? Diese Fragen sinddurch die extreme Marktfragmentierung nur mit sehr viel Aufwand und nie mit absoluter Gewissheit zu beantworten, selbst wenn Sie lange am Markt sind. INPERA kann diese Fragen beantworten- in Echtzeit!

Das Ganze hört sich nach einer kostenintensiven Lösung für große Generalunternehmer an. Wie unterstützen Sie die Kleinen?

Mit unserem Vorgehen entwickeln wir technologische Standards, die dann natürlich auch jedem kleineren Unternehmen zur Verfügung stehen. Der ganz wesentliche Punkt ist dabei, dass sich kein Unternehmen mehr damit befassen muss, welchen Digitalisierungsgrad die jeweiligen Partner haben. Es muss sich auch niemand mehr mit der oft frustrierenden Implementierung unzähliger Schnittstellen auseinandersetzen, was nur dem IT-Dienstleister Freude bereitet. Mit einer Schnittstelle auf INPERA können alle Partner angesprochen werden. Wir brechen diese Lösungen aber sogar herunter bis zu ganz einfach beherrschbaren Tools für Handwerker, mit denen sie drastisch Kosten und Zeit einsparen. Diese Tools sind zudem extrem günstig.

Herr Viebrock, haben Sie ein ganz persönliches Ziel für INPERA?

Ich möchte gemeinsam mit unseren Partnern erreichen, dass die Deutsche Bauindustrie international als digitaler Innovationsführer wahrgenommen wird. Ich bin sehr stolz über die Innovationskraft unserer Partner und es zeigt sich täglich, über welches Know How und Ideenreichtum diese Unternehmen verfügen! Ich möchte alle Hersteller, Händler und Bauunternehmen herzlich einladen, gemeinsam mit uns die Plattform INPERA zu gestalten, so wie es viele bereits jetzt tun. INPERA steht für jeden offen und wird im Kerngeschäft jedes einzelnen ganz sicher ein Wettbewerbsvorteil sein.

Herr Viebrock, vielen Dank für diese spannenden Einblicke. Wir wünschen Ihnen im Sinne der Baubranche viel Erfolg mit INPERA.

Zurück zur Übersicht